Wroclaw, Tag 6: Die neuen Stars der deutschen Sportakrobatik

| 13. Juli 2010 | 3 Comments

Siegerehrung: 1. England, 2. Russland, 3. Deutschland

Im normalen Leben tragen beide eine Brille, beim Sport haben sie auch ohne Sehhilfe voll den Durchblick: Dennis Stach und Emanuel Lang sind über Nacht zu Stars der deutschen Sportakrobatik aufgestiegen. Wer kann schon von sich behaupten, eine internationale Medaille gewonnen zu haben? Zumindest in der jüngeren Vergangenheit lassen sich diese Formationen an einer Hand abzählen.

Die Bronzemedaille für Dennis und Emanuel bei der Jugend-WM hier in Wroclaw ist schlichtweg unglaublich, unfassbar und kommt völlig unerwartet. Sie ist vielleicht der erste von vielen noch folgenden Höhepunkten einer gemeinsamen Karriere, gleichzeitig ist sie in jedem Fall aber auch die hoffentlich letzte Station einer Berg- und Talfahrt für Dennis im vergangenen Jahr. Diese fand ihren Tiefpunkt im letzten Herbst, als sich Dennis‘ Partner Arvid Kuritz in Portugal beim Training schwer verletzte. Da saß er weinend auf der Tribüne. „Auf eine Meisterschaft fährt man doch, um zu gewinnen“, offenbarte mir Dennis gestern seine Einstellung zum Leistungssport. Erst da wurde mir klar, was das Aus bei der EM seinerzeit für ihn bedeutet haben muss: Sein Traum, Europameister zu werden, war damals im Warm-Up-Bereich von Vila do Conde jäh geplatzt. Schlimmer noch: Er durfte der versammelten Elite der europäischen Sportakrobatik nicht einmal zeigen, was er drauf hatte.

Erst kurz vorher hatte Dennis bereits einen herben Tiefschlag wegstecken müssen: Weil der Reisepass fehlte, konnte er nicht zum Welt Cup in die USA fliegen. Der Start bei den World Games wenig später mag ein Trost gewesen sein, aber da ist ja für Deutschland fast schon naturgemäß nur der sechste und letzte Platz drin. Wie groß die Ehre ist, überhaupt bei den Olympischen Spielen der nicht-olympischen Sportarten teilgenommen haben zu dürfen, wird ein ehrgeiziger 14-Jähriger wohl erst nach langer Zeit realisieren.

Sportakrobatik im Blut

Nur gute zwei Jahre hat Dennis vor den World Games mit Arvid im Herrenpaar trainiert und ist in dieser Zeit richtig gut geworden. Er ist ein Talent, die Sportakrobatik liegt ihm schließlich im Blut: Mama (und Trainerin) Olga hat selbst zehn Jahre Sportakrobatik in Tadschikistan betrieben. Als Unterfrau eines Damenpaares brachte sie es bis zum zweiten Platz der Sowjet-Meisterschaft. Anschließend arbeitete sie noch fünf Jahre als Trainerin. Papa (und Trainer) Rudi hat als Kind mal eine Weile geturnt, wechselte dann aber zur Leichtathletik und wurde erfolgreicher Zehnkämpfer. Die Sportakrobatik ist ihm aber dennoch nicht fremd: „Während meines Sport-Studiums musste ich mich intensiv mit fast allen Sportarten beschäftigt, auch mit Turnen und Akrobatik.“

1989 zog das Paar nach Deutschland und verlor die Sportakrobatik zunächst aus den Augen. Erst 2002 erfuhr Olga von einer Bekannten, dass in Riesa die Weltmeisterschaft stattfand: „Dennis war das einzige unserer vier Kinder, das mit uns nach Riesa fahren wollte. Dort war er total begeistert von der Sportakrobatik, hat gesagt ‚Wow Mama, sowas hast Du einmal gemacht?!‘ und wollte das unbedingt auch lernen.“ Einige Zeit später ging er beim TSGV Albershausen zum ersten Mal ins Training, holte 2007 auf dem Podest seinen ersten Deutschen Meistertitel. Als sich wenig später ein großer Teil der Abteilung in Ebersbach selbstständig machte, blieb er. Mama und Papa leiteten fortan die Übungsstunden, kurz darauf nahm er das Training mit Arvid auf.

Nach drei Wettkämpfen zur WM

Drei Wochen nach der verkorksten Europameisterschaft begann Dennis, mit Emanuel „Manu“ zu trainieren. Das ist nun acht Monate her. Zwischenzeitlich stoppte die beiden noch ein Armbruch und verpatzte ihnen ihre geplante Wettkampfpremiere in Prag. Wieder ein Tiefpunkt, aber Manu wurde schnell wieder fit: Württembergische Meisterschaft, Winti Cup, Deutsche Meisterschaft… Mit nur drei Wettkämpfen auf dem Buckel reisten die beiden nach Wroclaw und dürfen sich nun drittbestes Herrenpaar der Welt in der Jugendklasse nennen.

In den letzten Monaten hat Dennis eine sehr positive Entwicklung vollzogen, diesen Eindruck gewinnt man jedenfalls als Beobachter: Vom aufgedrehten Obermann ist er zum ruhigen und verantwortungsbewussten Untermann gereift. Er scheint vieles verstanden zu haben. Mit Emanuel hat er einen Partner gefunden, der zu ihm passt: „Manu ist sehr fleißig. Er will, das merkt man. Wenn man ihm sagt, was er tun soll, dann macht er das. Auch wenn es mal wehtut“, ist Trainer Rudi voll des Lobes für den 11-Jährigen. „Noch ist er allerdings ein wenig unkonzentriert, vor allem wenn kein Trainer in der Nähe ist, lässt er sich leicht ablenken, anstatt zielstrebig und hart zu arbeiten.“

„Großen Anteil an diesem Medaillenerfolg haben auch der Bundes- und Landestrainer. Vor allem Todor Kolev hat uns sehr unterstützt“, will Rudi unbedingt erwähnt wissen: Todor ist für die technische Ausführung der Elemente verantwortlich, Olga arbeitet an der Artistik und Rudi sorgt dafür, dass die beiden Jungs fit, kräftig und mental gut vorbereitet sind. Dank dieses Teamworks haben sie es alle fünf gemeinsam geschafft, zum ersten Mal eine internationale Medaille für Deutschland in der Jugendklasse zu gewinnen.

Tim Sebastian und Rosa Löhmann im WM-FinaleAuch Tim und Rosa gehören jetzt zur Weltspitze!

Der Medaillenerfolg strahlt natürlich wie ein besonders heller Stern über der gesamten deutschen Mannschaftsleistung hier in Wroclaw. Noch im selben Atemzug sollte man aber unbedingt auch Tim Sebastian und Rosa Löhmann nennen, deren exzellente Leistung im Trubel der Bronzemedaille fast etwas unter den Tisch fiel: Ebenfalls bei ihrer ersten Weltmeisterschaft wuchsen sie förmlich über sich hinaus und haben sich in die Weltspitze geturnt: „Der emotionalste Moment für uns war nach der Balance-Übung am zweiten Wettkampftag, als feststand, dass wir uns fürs Finale qualifiziert haben. Das war unser großes Ziel, mit dem wir hierher gefahren sind“, sagt Tim. Der Rest war die Kür. „Entsprechend waren wir beim Finale auch gar nicht so aufgeregt.“ Dass dann am Ende sogar der vierte Platz heraussprang, ist phänomenal. Tim und Rosa waren so glücklich, da kam erst gar kein Frust auf, dass sie so knapp an einer Medaille vorbeigeschrammt sind. „Wir sind sehr zufrieden, alle sind zufrieden, auch Vitcho ist zufrieden. Das ist uns am wichtigsten, dass der Bundestrainer sieht, dass er auf uns bauen kann und dass er uns unterstützt und fördert.“ Die Statistik prophezeit den beiden übrigens eine große Karriere, denn: Sowohl René Tausendfreund und Phuong Tao Thi als auch Lukas Claus und Nikolaj Dewataikin landeten bei ihrem internationalen Debüt auf dem vierten Platz. Beide holten anschließend je eine Bronze- und Silbermedaille. Vielleicht klappt es für Tim und Rosa ja sogar schon nächstes Jahr bei der Europameisterschaft in Bulgarien, bei der sie noch einmal in der Jugendklasse antreten dürfen.

Im Fazit bleibt festzuhalten, dass sich die deutschen Formationen an den vergangenen drei Tagen hier in Wroclaw bei der Jugend- und Junioren-WM überwiegend gut, teilweise unglücklich, aber vor allem zweimal exzellent präsentiert haben. Dieser Vorstellung braucht man sich wahrlich nicht zu schämen!

 

Sulvinja

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Category: WM 2010 in Wroclaw

Comments (3)

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  1. Kelly sagt:

    Unglaublich guter Bericht, Schipfel!!
    Hier nun auch nochmal mein rieeeesengroßes Lob an Dennis & Emanuel! Ihr 2 könnt suuuper stolz auf euch sein! Trainiert schön hart weiter und wir werden sehen, was die Zukunft euch noch bringen mag! Ebenso Gratulation an Tim & Rosa! Super gute Leistung von euch beiden und auch an euch alles Gute und viel Glück für die Zukunft!!
    Hab euch von Ibiza aus die Daumen gedrückt, werd bei den Senioren aber vor Ort mitfiebern können 😉

  2. Dennis sagt:

    Ich und meine eltern danken allen, die uns unterstutzt haben und uns die ganze zeit die daumen gedrückt haben…..und drücken auch den senioren die daumen viel glück euch allen

  3. Luise sagt:

    Super Bericht!
    Herzlichen Glückwunsch an die beiden Paare. Macht weiter so und trainiert fleißig (:

    Viel Glück für die Senioren.

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